Dienstag, 12. August 2008

Parallelwelt

Die erste von drei Wochen ist geschafft und das Neue stürzt immer noch fast täglich auf einen ein. Peking hat sich rausgeputzt für die Spiele, alles bis zur Perfektion geplant. Zehntausende Freiwillige lächeln einen rund um die Uhr an, Grüßen in den immergleichen Phrasen und lesen einem beinahe jeden Wunsch von den Augen ab. Das Mediendorf gleicht einem komfortablen Hotelkomplex, es gibt Swimming Pool, Fitnessraum und Supermarkt. Jeden Tag wird das Zimmer geputzt und es gibt neue Handtücher. Ob man will oder nicht.

Mit dem wirklichen China hat das natürlich so viel gemein wie Berlin mit dem Pazifik. Dieses echte Peking erlebt man nur bei Taxifahrten quer durch die Stadt, wenn der Fahrer dauerschimpfend die Olympia-Umleitungen bewältigt. Oder auch bei der Fahrt zur Chinesischen Mauer. Wegen der Visa-Beschränkungen während der Spiele trifft man dort neben ausländischen Journalisten und Sportlern lediglich chinesische Touristen.

Oder auch bei der Fahrt zur Universitätssporthalle, dort finden die Tischtenniswettbewerbe statt, sieht man das richtige Peking. Zehntausende von Fahrrädern, junge Leute auf der genau gleichen Hatz in den Hörsaal mit den gleichen verschlafenen Augen wie auch bei den deutschen Studenten. Aus kleinen Wellblechhütten steigen exotische Gerüche in die Nase, doch zum Essen dort fehlt manchmal der Mut. Aber der kommt bestimmt noch. Das Überleben ist ohnehin äußerst günstig, wer für Nahrung mehr als fünf Euro pro Tag ausgibt, hat etwas falsch gemacht.

Der Chinese an sich ist stets distanziert, zurückhaltend und rennt (wirklich) immer mit diesem Lächeln durch die Gegend. Vielleicht schaue ich aber auch nur im flaschen Moment hin. Wenn er jedoch diese Zurückhaltung ablegt, gibt es keine Grenzen. So geschehen bei der Ankunft von Timo Boll. Der ist in China ein Superstar und wurde aus dem Flughafen hinaus von etwa 70 chinesischen Journalisten begleitet. Doch nicht in respektvollem Abstand. Sie zehrten an ihm, redeten irgendwelches Kauderwelsch auf ihn ein, stürzten Übereinander und verursachten damit ein heilloses Chaos.

Soviel zur ersten Woche, ein Update folgt in spätestens sieben Tagen.

Samstag, 17. Mai 2008

Raserei

Der Tag der Arbeit ist in Frankfurt am Main auch immer der Tag des Fahrrads. Seit über 40 Jahren findet dort am 1. Mai das Rennen Rund um den Henninger Turm statt. Leider steht die Veranstaltung auf der Kippe, weil sich der Hauptsponsor zurückzieht. Und das eventuell bevorstehende Aus des Henningers empfanden Markus und ich als würdigen Anlass für unser erstes Jedermann-Rennen.

Mehr oder weniger gut trainiert standen wir kurz vor neun mit über 1500 (!!!) anderen Radlern am Start. Schnell machten wir drei bis vier Leute aus, die wir auf jeden Fall schlagen mussten. Die anderen sahen einfach zu schnell aus, hatten zu schicke Räder und vor allem frisch rasierte Beine. Mit meinem Fell empfand ich mich als leicht overdressed. Nachdem der Startschuss gefallen war, dachte ich, ich bin im falschen Film. Die fuhren alle los wie die Irren, meine Tacho weigerte sich, weniger als 50 km/h anzuzeigen. Und das Ellenbogen an Ellenbogen mit anderen Fahrer. Wahnsinn.

Nach 20 Kilometern entspannte sich alles ein wenig und das war auch bitter nötig, denn ich war bereits einigermaßen platt. Dumm nur, dass sogleich der erste und heftigste Berg anstand. Nachdem wir 500 Meter über Kopfsteinpflaster (aua!) geruckelt waren, türmte sich der Schulberg erbarmungslos vor uns auf. Aus den Augenwinkeln nahm ich gerade noch das Warnschild 19% wahr, doch es war zu spät. Es ging schon so steil nach oben, dass ich dachte nach hinten zu kippen. Der Hügel zog mir für die nächsten 20 Kilometer den Zahn.
Nachdem Markus mich locker abgehängt und ich mich zum höchsten Punkt des Rennens gekämpft hatte, stand endlich die Abfahrt an. Es ist einfach herrlich, auf abgesperrten Straßen durch den Taunus zu sausen. Immerhin hab ich fast 80 km/h geschafft. Bei Kilometer 60 stand dann die erste Entscheidung an. Entweder war ich zu langsam und musste zum Ziel abbiegen oder ich lag noch in der Karenzzeit, so dass ich noch weitere 40 Kilometer strampeln konnte.

Zu meiner Überraschung durfte ich geradeaus weiterfahren, was mir einen ungeheuren Adrenalinschub verpasste. Schnell fand sich eine Gruppe von acht bis zehn Fahrern und wir feuerten mit über 40 in Richtung Frankfurter Innenstadt. Ich war super drauf, ging jeden Antritt mit. Die Gruppe reduzierte sich auf fünf Fahrer.

Drei Kilometer vor dem Ziel war jedoch urplötzlich Schicht. Die Beine fahren leer und baumelten kraftlos an mir herunter. Nur durch die Klickpedale machten sie noch irgendwie pedalierende Bewegungen. Mit Tempo 20 (peinlich, peinlich) meisterte ich die Kilometer 98, 99 und 100 bis endlich, endlich, endlich die Ziellinie überquert war. Ich war einfach nur glücklich, aber auch schlicht und ergreifend gründlich im Eimer.


Montag, 7. April 2008

Mauern überwinden

Natürlich habe ich durch meine Herkunft keine besondere Affinität zu Mauern jeglicher Art. Doch die berühmte Muur in Geraardsbergen bildet da eine Ausnahme. Wahrscheinlich ist es die Idylle mit der der letzte Anstieg der Flandern-Rundfahrt auf die Pedaleure wartet. Um ihnen dann doch unbarmherzig die Kraft aus den Beinen zu ziehen, die bis dahin bereits 250 km und 15 ähnliche Hügel gemeistert haben. Grob gepflastert und bis zu 20 Prozent steil zieht sich eine schmale Gasse auf den Oudenberg, gesäumt von tausenden frenetischen Fans. Die meisten kommen aus Flandern und wollen einen der ihren bei der "Ronde" ganz vorn sehen.
Am Sonntag tat ihnen der belgische Meister Stijn Devolder den Gefallen. Wie entfesselt stürmte er der Kirche von Geraardsbergen entgegen. Das Haus Gottes markiert den Gipfel oder besser das Ende der Mauer.
Auf den letzten 15 Kilometern ließ sich Devolder seinen Vorsprung nicht mehr nehmen. Die euphorischen Zuschauer, die ihn eben noch die Mauer hinaufschrien, sammelten sich um jedes Radio und jeden Fernseher. Gebannt lauschten sie der Reporterstimme, ehe die Party mit Devolders Sieg erst richtig begann.












Sonntag, 17. Februar 2008

Size matters

Sie sagen, sie haben das Größte. Und sie erzählen keinen Mist. Noch bin ich zwar noch nicht so viel gereist, habe aber schon eine Menge Schlafgelegenheiten gesehen. Doch der Sauerlandstern in Willingen übertrift einfach alles. Zumindest, was die Größe angeht.
Das beschauliche Willingen hat geschätzte 7000 Einwohner, und ich tippe fast darauf, dass die alle in diesem Mammutbau von Hotel leben könnten. Es gibt drei Konferenzräume, wovon jeder über Tausend Leute fasst. Ist groß, aber noch nicht beeindruckend. Auch der Hubschrauberlandeplatz sollte bei vier Sternen Selbstverständlich sein. Der Clou sind die Freizeit-Extras. Die haben dort ein Kino und - natürlich - auch eine Eishalle sowie ein Spaßbad mit Supi-Dupi-Rutsche. Die eigene Mountainbike-Strecke darf natürlich nicht fehlen. Wo kämen wir denn hin.
Hoffentlich habe ich jetzt keine Attraktion vergessen. Ist bei den genannten aber auch egal. Die Größe hat aber auch einen Nachteil: Die Kundschaft. Holländer kommen scharenweise zum Ski fahren und Firmen, Kegelklubs sowie sonstige Vereine ziehen hier mit ganzen Hundertschaften ein. Da wird viel gesoffen und gegrölt und verleiht dem Ganzen eher einen Ballermann-Charme, als die doch recht angenehme Beschaulichkeit dieses Fleckchens Erde zu untermalen. Größe hat halt ihren Preis.